Zinsausblick
Geldpolitik

Zinsausblick für die Schweiz für das 2. Halbjahr 2020: Geldpolitik und Leitzins

Die SNB betreibt eine sogenannte Inflationssteuerung um ihr mittelfristig mit Preisstabilität kompatibles Inflationsziel von knapp unter 2% zu erreichen.

Rudolf Marty Rudolf Marty, 12. Juni 2020

1. Das geldpolitische Konzept

Seit der Jahrtausendwende betreibt die SNB eine sogenannte Inflationssteuerung, d.h. auf der Basis von Inflations- und Konjunkturprognosen legt sie ihren Leitzinsssatz (bis 2021: Libor-Zinssatz mit dreimonatiger Laufzeit (aktuell: -0.7%), ab 2021 SARON-Zinssatz) fest und erhöht bzw. senkt diesen, um ihr mittelfristig mit Preisstabilität kompatibles Inflationsziel von knapp unter 2% möglichst gut zu erreichen. Wie aus untenstehender Grafik 1 ersichtlich ist, «übererfüllte» die SNB ihr Ziel, d.h. die Inflationsrate lag im Mittel deutlich unter der Obergrenze von 2% (Mittelwert der Jahresteuerung in der Periode 2001-2020: 0.42%). Weiter ist erkennbar, dass es der SNB trotz der Einführung von Negativzinsen im Januar 2015 nicht gelang, im aktuellen Wirtschaftszyklus von 2009-2020 die Inflation dem Zielwert von 2% anzunähern (durchschnittliche Jahresteuerung 2001-2008: 1.1%, danach 0%). Der Grund dafür liegt hauptsächlich in der seit der Finanzkrise 2008 verstärkten Franken-Aufwertung, die zu einem anhaltenden Preiszerfall importierter Konsumgüter führte.

CHF Zinsgrafik

2. Eine einfache Regel zur Erklärung des Schweizer Leitzinses (erweiterte Taylor-Regel)

Die Zinspolitik der SNB lässt sich durch eine einfache Gleichung abbilden, die den SNB-Leitzins als Funktion der Abweichung der aktuellen Teuerung vom mittelfristigen Inflationsziel (2%), der Arbeitslosenquote und der Veränderung des Franken-Euro-Kurses der letzten drei Monate beschreibt. Wird der Einfluss dieser Grössen auf den Leitzins statistisch ermittelt, so ist der Inflations- und Wechselkurseinfluss positiv (0.6 bzw. 0.02), d.h. «überschoss» die Inflation den Zielwert von 2% um einen Prozentpunkt bzw. wertete der Franken gegenüber dem EUR während den letzten drei Monaten um ein Prozent ab, so führte dies zu einer Leitzins-Erhöhung von 0.6 bzw. 0.02 Prozentpunkten. Ein Anstieg der Arbeitslosenquote um 1 Prozentpunkt hingegen bewog die SNB zu einer Leitzinssenkung von 0.35 Prozentpunkten, um den Franken zu schwächen und damit das Wachstum zu stimulieren.

3. Ausblick für den SNB-Leitzinssatz: wieweit ins Negative kann er gedrückt werden?

Die Konjunkturauguren gehen für das zweite Halbjahr von einem Anstieg der Arbeitslosenquote von 3% auf 4% und einem Verharren der Inflationsrate unter null aus (d.h. leichte Deflation). Die erweiterte Taylor-Regel impliziert in diesem Szenario eigentlich mindestens eine weitere Leitzinssenkung auf -1%. Einer weiteren Zinssenkung widersprechen allerdings Überlegungen in Bezug auf die Finanzstabilität, da die Geschäftsbanken den negativen Leitzinssatz nicht unbeschränkt an ihre Kunden weitergeben können, da die letzteren sonst vermehrt in die Bargeldhaltung ausweichen. Für die SNB stehen im 2. Halbjahr damit eine Reihe schwieriger Entscheidungen an.

Rudolf Marty
Rudolf Marty
Prof. Dr., stellvertretender Leiter Swiss Real Estate Institute, HWZ Zürich